„Bühne frei, spiel dich los!“

Die Theater-Arbeit und das Darstellende Spiel sind auch abseits des Deutschunterrichts fester Bestandteil der Lern- und Schulkultur am Hochrhein-Gymnasium. Lernen hört hier nicht mit dem Kopf auf, sondern fordert die Schülerinnen und Schüler in ihrem ganzen Ausdruck und ihrer Persönlichkeit.
Der Ausdruck des Inneren und die gemeinsame, spontane, nie wiederholbare Interaktion zwischen uns Spielern ergeben das, was gespürt werden muss, wenn das Werk gelingen soll. Doch wie geht dies vonstatten? Ein mutiges Werk ist das eigene und das neue. Deswegen verwandeln wir in der Theater-AG am Hochrhein-Gymnasium klassische Stücke zu modernen Inszenierungen. Textlernen wird zur Textinterpretation, Zeilenwiedergabe zum Selbstausdruck. Dabei ist die Arbeit ganz auf die Impulse und eigene Gestaltungsideen der Spielenden ausgelegt. Die am Anfang des Schuljahres in einem Basisworkshop erlernten Arbeitstechniken des Theaters kommen dabei ständig zum Einsatz, sie werden trainiert und immer wieder neu entwickelt. Feedbackverfahren in der Gruppe stärkt die Urteilsfähigkeit und die Fähigkeit zum Umgang mit Kritik, die Kleingruppenarbeit, die Selbstständigkeit und das Verantwortungsbewusstsein. Neben diesem schauspielerischen Erproben der eigenen Kreativität führt die Theater-AG auch auf die Einführung in die Theater-Kultur ein. Gemeinsam besuchten wir verschiedene Theaterstücke an örtlichen oder herausragenden Bühnen der Umgebung, wie beispielsweise Zürich. Diese Besuche sollten unser Verständnis von Theater und die professionelle Umsetzung der Theaterkunst intensivieren. Durch Gespräche mit den Verantwortlichen vor Ort hatten wir die Möglichkeit zu einem produktiven Austausch und Kontaktmöglichkeiten zu erfahrenen Schauspielern. 
Die Theaterarbeit am Hochrhein-Gymnasium ist ein Feld des Experimentierens, eben einer Kunst, die in Bewegung ist, bleiben muss und bleiben will. Sie ermöglicht den Schülerinnen und Schülern ans eigene Werk zu gehen – frisch und mutig und eigen. Also ganz nach dem Motto von Franz aus dem Schillerschen Drama „Die Räuber“: „Frisch also! Mutig an’s Werk!“

2018: "Der Besuch der alten Dame"
Benjamin Gerhards (Alfred) und Anna Loch (Claire) - Bild: Matthias Sochor
Das gesamte Schuljahr über bis zu den zwei erfolgreichen Aufführungen im Juni 2018 probten die Schülerinnen und Schüler der Theater-Arbeitsgemeinschaft des Hochrhein-Gymnasiums unter der Regie von Lehrer Christian Zimmermann intensiv Friedrich Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“. Sie schlüpften in die unterschiedlichsten Rollen, spielten Figuren, die ein unmoralisches Angebot unterbreiten, und Figuren, die ein solches Angebot erhalten, und auch solche, die nur ein Spielball anderer sind. Die jungen Schauspieler erspürten Macht und menschliche Abgründe und wollten dies von der Bühne aus auch für das Publikum erfahrbar machen. Der Autor selbst hatte das Stück einst als „tragische Komödie“ bezeichnet. Für ihn war das Groteske eines der letzten Mittel, um die widersprüchliche Welt überhaupt noch darstellen zu können. Manches erscheint zum Lachen, anderes stimmt nachdenklich. Und dann gibt es da noch die Momente, in denen dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken bleiben wird. So konnte während der Aufführungen durchaus das Gefühl aufkommen, dass die absurde Welt auf der Bühne vielleicht gar nicht so anders ist, als die eigene.
2019: "Die Kindermörderin"
Bild: Matthias Sochor

Wie reagieren Menschen, wenn das passiert, was nicht passieren darf? Wenn ein Augenblick und seine Folgen aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen die gesamte Zukunft oder die selbst auferlegte Identität bedrohen?

Heinrich Leopold Wagner schickt in seinem bürgerlichen Trauerspiel Die Kindermörderin die beteiligten Figuren auf eine schmerzhafte Reise zur Beantwortung dieser Fragen. Dabei kritisiert der Sturm-und-Drang-Autor und Jurist nicht nur die im 18. Jahrhundert auf Kindsmord stehende und zunehmend als unmäßig empfundene Todesstrafe, sondern stellt die Frage von Schuld und Verantwortung verschiedenen Schichten – und Individuen.

Dass Wagner dabei nicht vor Drastischem zurückschreckt, macht bereits der Titel des Dramas deutlich. Als die Textfassung 1776 veröffentlicht wurde, bestand keine Aussicht das Stück in dieser Form auf die Bühne zu bringen. Thematisch jedoch fand es durchaus Zuspruch. So bearbeitete Karl Lessing noch Ende 1776 das Drama. Sein Bruder Gotthold Ephraim schrieb zu dieser Bearbeitung in einem Brief an Karl: „D[ie] Kindermörderin habe ich mit Vergnügen gelesen, und es ist unstreitig, daß sie nur so auf das Theater gebracht werden kann.“ Damit sollte er in gewisser Weise Recht behalten. Zwar verwarf Wagner Lessings Umarbeitung, doch noch 1777 schrieb er das Drama selbst um und strich dabei unter anderem den gesamten ersten Akt. In dieser Form wurde das Trauerspiel 1778 uraufgeführt. Es dauerte bis 1904, bis auch die ursprüngliche Fassung aufgeführt wurde.

In der Inszenierung unter der Leitung von Lehrer Christian Zimmermann suchten die jungen Schauspieler nach Möglichkeiten, die schwierige Situation Evchens, die auch ihre Mitschülerin sein könnte, auf der Bühne eindrücklich fassbar zu machen. Dabei setzten sie sich mit einem Durcheinander der Gefühle zwischen Schuld und Hoffnung auf ein Happy End, gesellschaftlichen Erwartungen und gescheiterter Kommunikation auseinander.