01.06.2019

Südkurier: Das macht guten Unterricht aus

Prof. Dr. Klaus Zierer zu Gast am Hochrhein-Gymnasium

Waldshut-Tiengen: Der Pädagogikprofessor Klaus Zierer nennt bei einem Vortrag am Hochrhein-Gymnasium Faktoren für mehr Freude am Lernen und guten Unterricht.

Bild: (v.l.n.r.) Frank Decker, Schulleiter Gewerblichen Schulen, Nicole Delaye, Rektorin H.-Hansjakob-Schule, Mechthild Rövekamp-Zurhove, Schulleiterin HGWT, Prof. Klaus Zierer (Uni Augsburg) und Isabella Schlipphack, Schulleiterin Kaufmännische Schule

Waldshut-Tiengen – Durchschnittlich 15000 Stunden Unterricht erlebt jeder Mensch in Deutschland im Laufe seiner Schulzeit. Doch wann habe, so fragte der Bildungsforscher Klaus Zierer zu Beginn seines Referats provozierend, im Schülerleben bei den meisten die Freude am Lernen nachgelassen? Woher kam und kommt diese Unzufriedenheit? Wichtiger noch: Wie könne man dieser Entwicklung entgegenwirken? Mit welchen Mitteln und Maßnahmen?
Gelernt werde eigentlich immer, so Zierer. Und fast jedes neue Rezept, jede Reform habe irgendeinen positiven Effekt auf das schulische Lernen: z.B. die Arbeit mit Tablets und die Nutzung weiterer neuer Medien im Unterricht, das Verkleinern der Klassengröße, offene Klassenzimmer oder allgemein eine höhere finanzielle Ausstattung der Schulen. Doch Zierer ging es eher darum, bewusst zu machen, dass all diese Effekte erst wahrhaft wirksam werden, wenn die Lehrpersonen, die Lehrerinnen und Lehrer also, die Mittel professionell zu nutzen wüssten. Die schon seit der griechischen Antike bekannten Beziehungsebenen zwischen Lehrern und Schülern, Lehrern und dem Lehrstoff sowie Schülern und dem Lernstoff müssten immer im Zentrum stehen, wenn guter Unterricht gelingen soll.
Klaus Zierer machte den rund 100 Zuhörern, unter ihnen die Lehrkräfte des Hochrhein-Gymnasiums, Eltern und Schüler sowie zahlreiche Gäste aus den benachbarten Schulen, Mut, Fehler im Unterricht nicht zu verdammen, sondern als Motor des Lernens zu sehen. Für Heiterkeit bei den anwesenden Schülern sorgte der Referent, als er fragte, ob den Lehrern der eigene Redeanteil im Unterricht überhaupt bewusst sei. Und gerade deshalb müssten sich Lehrende von den Lernenden regelmäßig Rückmeldungen über die eigene Arbeit holen sowie selbst immer wieder professionell Rückmeldung geben. Dieses gemeinsame Innehalten und „Rückwärtsgehen“ bedeute nicht Zeitverschwendung, sondern sei notwendig für ein erfolgreiches Lehren und Lernen. Es mache eben einen großen Unterschied aus, zu hören: „Das kannst Du nicht!“ anstelle von „Das kannst Du noch nicht!“. Gute Schule und guter Unterricht seien geprägt von Freundlichkeit, Geborgenheit, Vertrauen, Zutrauen und klarer Zielorientierung. Diesem Fazit wollten sich die Zuhörer gern anschließen und dankten für den Vortrag mit herzlichem Applaus.
Die anschließende Diskussion bot Gelegenheit, Klaus Zierers Überlegungen mit der regionalen Bildungswirklichkeit zu vergleichen. Lehrerin Sabine Klein wollte z.B. wissen, ob Eltern durch die immer früher einsetzende Betreuung in Kitas überhaupt noch den notwendigen erzieherischen Einfluss auf die eigenen Kinder hätten? Zierer entgegnete, ohne die nun auch in unserer Region etablierten Betreuungsangebote wäre Familienleben oft gar nicht mehr möglich. Eltern blieben immer der „Anker in Bildung und Erziehung“, die knapper werdende gemeinsame Zeit mit den Kindern verpflichte zur intensiveren Nutzung. Albrecht Müller, stellvertretender Schulleiter der Gewerblichen Schulen Waldshut, fragte, welchen Wert der Referent den Digitalisierungsbemühungen an Schulen beimesse, schließlich stünden dafür nun größere finanzielle Mittel zur Verfügung. Klaus Zierer verwies darauf, dass dies begrüßenswert, aber eben „nur die halbe Hausaufgabe“ sei. Denn neben den technischen Investitionen brauche es nun auch Konzepte für den sinnvollen Einsatz von Geräten und Technik –zu leisten durch ebenso notwendige Medienbetreuer. Hier knüpften weitere Wortmeldungen an, sodass die insgesamt fast zweistündige Veranstaltung sehr schnell verging und viel Stoff bot für vertiefende Diskussionen in Eltern-, Lehrer- und Schülerforen über guten Unterricht an Waldshut-Tiengens Schulen.

Text und Foto: Matthias Sochor, HGWT, erschienen (in gekürzter Version und ohne Bild) im SÜDKURIER am 01.06.2019

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