Bio-Projekt
07.12.2016: Sprache des Gedenkens

Der Umgang mit dem Bösen

Die Schülerin Gloria Kaiser steht mit ihrer Seminarkurs-Arbeit vor dem Gefallenendenkmal in Kadelburg. | Bild: Hochrhein-Gymnasium Waldshut

Waldshut-Tiengen – Ein Satz aus der eigenen Familiengeschichte stand für Gloria Kaiser aus Küssaberg schon im frühen Kindesalter für das Böse schlechthin. Über ihre Urgroßtante hieß es im Familienkreis, sie sei ermordet worden. Unfassbar und unheimlich klang dies in Kinderohren. 2016, am Hochrhein-Gymnasium Waldshut längst in der Oberstufe angekommen, besuchte Gloria Kaiser den Seminarkurs – einen Zusatzkurs, der auf wissenschaftliches Arbeiten im Studium vorbereiten soll. Als Kursthema war vom Lehrer Dr. Detlev Kilian „Das Böse – Negativität, Freiheit und Moral“ gesetzt worden. Im Rahmen dieser Vorgabe galt es, eine wissenschaftliche Arbeit zu verfassen. Gloria erinnerte sich der Geschichte ihrer 1940 in Grafeneck ermordeten Verwandten und wollte in der Arbeit untersuchen, wie „das Böse im kollektiven Gedächtnis“ verankert sei. Sie begab sich „auf Spuren der erinnerten Nazi-Vergangenheit im Landkreis Waldshut." Die Studie zeigt am Beispiel einiger Gedenkorte in der Region Hochrhein, wie die Sprache der Denkmalinschriften Vermittlerfunktion bekommt – auch deshalb, weil schon in wenigen Jahren die letzten Zeitzeugen verstorben sein werden.
80 Millionen Menschen weltweit sind durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und den Zweiten Weltkrieg zu Tode gekommen. Die Frage „Wie konnte es dazu kommen?“ und nach dem „Warum?“ beschäftigte die nachfolgende Generation. Ein Teil dieser Erinnerung sind die öffentlichen Mahnmale. Sie gedenken der Toten und mahnen die Lebenden.
Als ein Beispiel betrachtet wird die sogenannte „Polenhenke“ bei Herrischried, einen Ort also, an dem dreier im Jahr 1942 ermordeter polnischer Zwangsarbeiter gedacht wird. Der sich heute dort befindende Gedenkstein, so Gloria Kaiser, verschleiere die Frage nach den Tätern. Zwar werde das Regime der Nationalsozialisten benannt, aber es fehlten genauere Angaben zu den Verantwortlichen. Fragen nach den Umständen des Todes der drei Opfer blieben unbeantwortet. Erwähnt werde nur das NS-Regime, ungenannt seien etwa die Bürger der Gemeinde oder die Mitglieder des Standgerichts. Wörter wie „ermordet“ oder „getötet“ fehlten. Die drei Männer aus Polen seien nicht einfach „Opfer“, sie seien zu Opfern gemacht worden. Die Bezeichnung des Ortes im Volksmund als „Polenhenke“ ist demgegenüber präziser und behält die Tat klar in einem Wort im Gedächtnis: Hier wurden Polen gehängt, also hingerichtet.
Im Landkreis Waldshut findet man 127 Denkmäler für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten. Es wird kollektiv der Männer gedacht, die aus dem jeweiligen Ort als Soldaten ihr Leben verloren haben. Sie waren, meist gezwungenermaßen, Teil eines Angriffs- und Vernichtungskrieges. Inschriften lauten zum Beispiel „Ehre den tapferen Söhnen“ (Dangstetten) oder „Ihren treuen im Kriege gefallenen und vermissten Söhnen“ (Jestetten). Nur selten erfahre man etwas über die genauere Funktion der Verstorbenen im Zweiten Weltkrieg. Auf manchen Denkmälern stehen die Bezeichnungen „Soldat“ oder „Krieger“ (Lienheim, St. Blasien). „Sie gaben ihr Leben für die Heimat“ heißt es zum Beispiel in Menzenschwand. Der Gedenkstein in Harpolingen sei besonders, er liefere genauere Angaben zu Umständen des Todes: „Erschossen, erschlagen, gehängt, erfroren, verdurstet, verhungert, verbrannt, erstickt, zertreten“.
Der Name auf einem Stein oder einer Tafel gibt der Trauer um den Toten einen Ort. Dass diese jungen Männer in einen Krieg zogen und gewaltsam ums Leben gekommen sind, werde dadurch als notwendig gewertet, so Gloria Kaiser in ihrer Seminararbeit. „Für die Heimat gestorben“ klinge, als habe der Tod einen Sinn gehabt und Schlimmeres verhindert. Sprache verschleiere hier die historische Tatsache des Angriffskrieges, an dem diese Männer teilgenommen hatten.
Es sei an der Zeit, so die Schülerin Gloria Kaiser, vorhandene Denkmäler zu ergänzen. Man könnte etwa die Gedenkstätten um die Inschrift „Du sollst nicht töten!“ erweitern. Oder man müsse den Schluss der Rede des ehemaligen Bundespräsidenten, Richard von Weizsäcker, vom 8. Mai 1985 aufnehmen und zukunftweisend die Kräfte des Friedens stärken: „Ehren wir die Freiheit. Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.“

Text: Matthias Sochor (erschienen im SÜDKURIER am 07.12.2016)

09.06.2016: Zeitzeugin zu Gast am HGWT

Éva Fahidi erzählt aus ihrem Leben

Eva Fahidi-Pusztai im Musiksaal des Hochrhein-Gymnasiums vor den Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 11

Als die Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 11 den Musiksaal betreten, wartet sie bereits auf dem Podium: Die dreisprachig aufgewachsene Ungarin Eva Fahidi-Pusztai, Jüdin, 91 Jahre alt, sitzt sehr aufrecht auf ihrem Stuhl. Ihr von weißem Haar umrahmtes Gesicht zeigt sehr wache Augen. Vergnügt schaut sie auf die Jugendlichen.

Zwei Schülerinnen des Geschichtskurses lesen kurze Ausschnitte aus dem autobiografischen Erinnerungstext, den Fahidi „Die Seele der Dinge“ nannte. Und dann beginnt sie selbst zu erzählen. Mit entschlossener Stimme und in bestem Deutsch, oft mit Witz und Ironie, macht sie die Landschaft ihrer behüteten Kindheit bildhaft anschaulich. Sie schwärmt von der Schönheit der Puszta, vom weiten Himmelsblau, von ihrer wunderbaren Familie. Und vom Tanzen, ihrer Leidenschaft. Doch plötzlich wurde Fahidi ernst: „Ich habe nur ein einziges Thema, über das ich reden muss, den ungarischen Holocaust.“ Denn das zuvor geschilderte Paradies verlor Fahidi kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag für immer – und mit ihr über 400000 ungarische Juden. Nachdem 1944 deutsche Soldaten Ungarn besetzt hatten, wurde Éva Fahidi mit ihrer Familie verschleppt, kam zunächst ins Ghetto, wenige Wochen später ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Die quälende, tagelange Fahrt dorthin, eingepfercht mit 80 anderen Menschen in einem Viehwagon, bezeichnete Fahidi als ein prägendes Trauma. Sie schildert das Geschehen so, wie sie es als 18Jährige wahrnahm und beobachtete: ihren ersten Blick auf Häftlinge im gestreiften Anzug, den surreal-grausamen Moment unfassbarer Herabsetzung, da sie nun selbst buchstäblich nackt und kahlgeschoren als Häftling auf dem Appellplatz des Konzentrationslagers stehen musste. Éva Fahidi verlor gleich nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau – infolge der berüchtigten ‚Selektion‘ – ihre gesamte Familie: Mutter und Vater sowie ihre geliebte jüngere Schwester. Diese Wahrheit wollte die junge Éva lange nicht akzeptieren, glaubte an ein Wiedersehen. Sie war nun völlig auf sich allein gestellt, wurde erneut deportiert, musste Sklavenarbeit in einer deutschen Munitionsfabrik leisten, verhungerte beinahe, wurde schließlich zum Todesmarsch getrieben, von dem ihr jedoch die Flucht gelang. Fahidi kehrte nach Kriegsende in ihre ungarische Heimat zurück, findet ihre frühere Welt dort aber nicht wieder.

Während dieser Schilderungen herrschte im voll besetzten Musiksaal des Hochrhein-Gymnasiums weit über eine Stunde lang absolute Stille. Hochaufmerksam, betroffen gemacht von der vermittelten Geschichte und fasziniert von der Persönlichkeit der Zeitzeugin hörten die Schülerinnen und Schüler zu. In den letzten Minuten dieser Veranstaltung bestand Gelegenheit zum Fragenstellen. Die Kursstufenschüler wollten wissen, wie nach all dem Schrecken überhaupt eine Rückkehr in die Gesellschaft bzw. in ein bürgerliches Leben möglich gewesen sei. Éva Fahidi spricht von notwendiger Anpassung und dem Leben mit mehreren, unvereinbar scheinenden Wahrheiten. Vielfach habe sie den Slogan gehört: Nie wieder! Leere Worte, wie sie findet, denn sie habe ganz andere Erfahrungen gemacht: „Es ist sehr schwer, das Gute zu tun.“ Ihre Aufgabe sieht sie darin, solange sie noch kann, Jugendlichen von ihrem Schicksal zu erzählen und damit den Anfängen zu wehren, damit sich die Vergangenheit nicht wiederholt. Darum empfiehlt sie ihren Zuhörern, viel zu lernen, eigene Haltungen zu entwickeln. Denn „nur leere Köpfe“ seien „manipulierbar“.

Mit herzlichem Beifall dankten die Schülerinnen und Schüler Éva Fahidi für ihren Auftritt, der in vielen folgenden Gesprächen nachwirkte und sicher unvergessen bleibt.

Die Veranstaltung wurde ermöglicht durch das Freiburger Maximilian-Kolbe-Werk e.V. in Zusammenarbeit mit der Fachschaft Geschichte des Hochrhein-Gymnasiums.

(Text und Bild: Matthias Sochor, HGWT)

09.05.2016: Fußballworkshop des SC Freiburg

Politik und Kultur treffen auf Fußball

Der rote Bus vom SC Freiburg auf dem Parkplatz am Hochrhein-Gymnasium zeigte es allen deutlich: Für einen Teil der Schüler stand ein besonderer Vormittag bevor. Der SC Freiburg hatte aus Anlass der bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft in Frankreich gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung (LPB) Klassen von Grundschulen und weiterführenden Schulen dazu aufgerufen, sich anhand von Plakat-Collagen kreativ mit dem EM-Motto „Le Rendez-Vous“ sowie Fußball, Kultur und Politik in Europa auseinanderzusetzen. Dies schreibt Matthias Sochor vom Hochrhein-Gymnasium in einer Pressemitteilung.
Aus den eingegangen Beiträgen wurden sechs Gewinnerklassen ausgewählt – darunter die Klasse 5b vom Hochrhein-Gymnasium mit ihrem Klassenlehrer Viktor Gerlach, die Anfang Mai mit einem Besuch von LPB und SC in der Schule belohnt wurde. In zwei 90-minütigen Workshops, welche im Klassenzimmer und in der Hochrhein-Sporthalle stattfanden, verknüpften die LPB- und SC-Mitarbeiter auf spielerische Art fußballerische Inhalte mit Wissenswertem zu Geschichte, Politik und Kultur Europas.
„Am interessantesten fand ich das Erkennen der verschiedenen europäischen Sprachen“, sagte Jana aus der Klasse 5d hinterher. Brooklyn ergänzte: „Mir hat besonders das Zuordnen der Fußballspieler zu den Ländern und Vereinen gefallen.“ Carolin, Solveig und Vanja schwärmten von der Mini-EM, bei der kleine Teams aus der Klasse jeweils als eine Nationalmannschaft antraten. Solveig durfte als Manuel(a) Neuer Torhüter(in) der deutschen Mannschaft sein – und das Team Deutschland wurde Europameister.
Der Workshop-Vormittag endete mit einer Siegerehrung und dem Überreichen von Teilnehmer-Urkunden. Maren, Frido und Alex als Trainer des SC Freiburg sind gern in Waldshut gewesen. „Die Begeisterung der Kinder war fantastisch. Es wird ein unvergesslicher Tag bleiben – für uns und auch für die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5b“, sagen sie einhellig.
Text: Matthias Sochor, HGWT

09.04.2014: Studienbotschafter zu Gast am HGWT
Studienbotschafter

Ein Studium sollte nie am Geld scheitern ...

Im Zuge der Kompaktwoche hatten die Schülerinnen und Schüler der Kursstufe 2 am 9. April 2014 die Möglichkeit, hautnah Informationen zum Thema Studium zu bekommen. Fünf vom Wissenschaftsministerium ausgebildete Studierende, sogenannte „Studienbotschafter“, stellten ihren Werdegang sowie ihre Studienfächer und Hochschulen vor. Vertreten waren hierbei unter anderem die Universitäten Freiburg und Konstanz und die Fachhochschule in Furtwangen.
Zunächst informierten die Studierenden im Plenum über die Suche nach geeigneten Studiengängen und stellten unterschiedliche Bewerbungsmodalitäten vor. Muhammed Karaca, der Online-Medien in Furtwangen studiert, machte deutlich, dass nicht allein der Notendurchschnitt darüber entscheide, ob man den Wunschstudienplatz bekomme. Viele Studiengänge seien nicht zulassungsbeschränkt und bei Studiengängen mit Zulassungsbeschränkung würden die Hochschulen auch Bewerbergespräche oder Eignungstests durchführen oder ein Motivationsschreiben erwarten. Solche Faktoren würden dann mit dem Abi-Schnitt verrechnet.
Außerdem berichteten die Studierenden über die Möglichkeiten, wie man ein Studium finanzieren kann. Kim Laufer, Lehramtsstudentin aus Konstanz, betonte: „Ein Studium sollte nie am Geld scheitern“ und verwies insbesondere auf die Möglichkeit, BAföG zu beantragen oder sich für ein Stipendium zu bewerben. Auch hier sei nicht allein der Notendurchschnitt ausschlaggebend, da es Stipendien für sehr unterschiedliche Zielgruppen gebe.
Anschließend hatten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, die Studierenden in Kleingruppen zu befragen. Besonders interessierten die Schülerinnen und Schüler dabei das Alltagsleben, die Arbeitsbelastung und die beruflichen Perspektiven in den verschiedenen Studiengängen.
Im Anschluss an diese Veranstaltung wurden die Kursstufenschülerinnen und -schülern noch von Mechthilde Maier von der Caritas in einem anschaulichen Vortrag über die Möglichkeit eines Freiwilligen Sozialen Jahres bzw. des Bundesfreiwilligendienstes informiert.
Bei der Caritas kann man ein FSJ z.B. im Krankenhaus, beim betreuten Wohnen, in der Behindertenwerkstatt oder im Kindergarten absolvieren.
Auch hier hatten die Schülerinnen und Schüler wieder die Möglichkeit, ihre Fragen im Plenum oder in einem persönlichen Gespräch zu klären.
Die nächste Informationsveranstaltung von Studienbotschaftern und Caritas wird bereits am 26. Mai für die Kursstufe 1 stattfinden. Voraussichtlich am 12.05.2014 wird ein Elternabend mit verschiedenen Referentinnen und Referenten zur Berufs- und Studienorientierung für die Kursstufe 1 veranstaltet.

Text und Foto: Cordula Wunn

28.03.2014: EU-Projekttag
Schreiner

Landtagsabgeordneter Felix Schreiner im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 10
Dass scheinbar alltägliche Themen, wie der eigene Schulweg, die Dauer der Schulzeit oder die Geschwindigkeit der Internet-Datenübertragung im Heimatort sehr politische Fragen sind, wurde den Schülerinnen und Schülern aus drei zehnten Klassen des Hochrhein-Gymnasiums bewusst, als sie am vergangenen Freitag Gelegenheit hatten, mit dem Landtagsabgeordneten Felix Schreiner (CDU) zu diskutieren.
f schreiner hp 2Die Schüler hatten sich im Gemeinschaftskundeunterricht auf das Gespräch vorbereitet und Fragen erarbeitet. In der direkten Begegnung mit Felix Schreiner entwickelte sich daraus ein spannender Dialog. Der in seiner Fraktion jüngste Abgeordnete des baden-württembergischen Landtags betonte, dass sein Auftritt an der Schule ausdrücklich nicht als parteipolitischer Wahlkampf zu verstehen sei. Sein Anliegen war es vielmehr, Interesse für Politik zu wecken, Einblick in die Arbeit eines Berufspolitikers zu gewähren und sich politischen Fragen zu stellen.
Das geschah im Rahmen des diesjährigen EU-Projekttages, an  welchem bundesweit Politiker Schulen besuchten und der wegen der Wahl zum EU-Parlament bereits Ende März stattfand. Danach gilt die so genannte Vorwahlsperre, die für Baden-Württemberg in einem Zeitraum von acht Wochen vor Europawahlen den Besuch von Politikern in Schulen untersagt.
Fragen, die die Nachbarschaft zur Schweiz berühren, erhalten zwangsläufig eine europäische Dimension. Die Schülerinnen und Schüler sprachen die PKW-Maut an, das Autobahnprojekt A98 und die Elektrifizierung der Hochrhein-Bahntrasse.  Schreiner gab Erläuterungen zum Prozess des demokratischen Meinungsaustauschs, zu geführten Verhandlungen und politischen Beschlüssen.
Auch um Bildungspolitik ging es. Diskutiert wurde die Frage nach dem acht- oder neunjährigen Gymnasium. Hier bat Felix Schreiner die Schülerinnen und Schüler des Hochrhein-Gymnasiums, selbst Erfahrungen zu schildern, denn seine eigene Meinungsbildung sei zu diesem Thema noch nicht abgeschlossen.
Die 90minütige Veranstaltung verging wie im Fluge, bis zuletzt wollten die Zehntklässler, welche am 25.Mai 2014 wegen der zeitgleich zur Europawahl stattfindenden Kommunalwahl auch Erstwähler sind, Fragen stellen bzw. Positionen äußern. Und so konnte Felix Schreiner bilanzieren: „Die Diskussion mit 80 Schülerinnen und Schülern hat mich beeindruckt - wer sagt, die Jugend interessiere sich nicht für Politik, wird hiermit herzlich nach Waldshut eingeladen. Es hat mir großen Spaß gemacht!“

Text und Fotos: Matthias Sochor, Hochrhein-Gymnasium

Bilder:
- Begrüßung im Hochrhein-Gymnasium - (v.l.) Dr. Manfred Römersperger (stellvertretender Schulleiter),Felix Schreiner und Dr. Detlev-Richard Kilian (Abteilungsleiter für gesellschaftswissenschaftliche Unterrichtsfächer)  
- Felix Schreiner im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Klassen 10c, d, e am HGWT

04.10.2012: Frank-Walter Steinmeier am HGWT
Steinmeier

„Nichts kommt von selbst!“

Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Frank-Walter Steinmeier, im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Kursstufe des Hochrhein-Gymnasiums
Frank-Walter Steinmeier wollte seinen Auftritt an unserer Schule ausdrücklich nicht als Wahlkampf verstanden wissen, eher als einen Aufruf, sich einzumischen in alle Fragen der Gesellschaft, denn – so Steinmeier – nichts komme von selbst, alles sei Gegenstand von Politik. Dabei solle Politik nicht verwechselt werden mit dem, was abends dazu im Fernsehen laufe. Die realen politischen Debatten seien viel komplizierter, schlichte Stammtischparolen stellten keinen Ausweg dar.

In seinem etwa dreißigminütigen Eingangsstatement verwies Steinmeier auf eigene Prägungen in seiner Jugendzeit, die ihn politisch sensibilisiert hätten. Er leitete über zur derzeitigen europäischen Krise und appellierte an seine jungen Zuhörerinnen und Zuhörer, den Prozess der europäischen Integration als hohen Wert zu begreifen, der nicht leichtfertig verspielt werden dürfe. Europa sei  die Grundlage unseres Wohlstandes. Aktuelle Jugendstudien zeigten zwar, dass junge Menschen in Deutschland von Zukunftsangst sprächen, doch – so Steinmeier – seien allein schon wegen des sich vollziehenden  demographischen Wandels und wegen des damit verbundenen Fachkräftemangels die heute 16- bis 18-Jährigen künftig chancenreich auf dem Arbeitsmarkt.
Anschließend hatten die Schülerinnen und Schüler eine Stunde lang Gelegenheit, Fragen an den Gast zu stellen und die Diskussion zu suchen. Der Unterricht in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern war in den Tagen zuvor genutzt worden, um sich auf diesen Teil der Begegnung mit dem Spitzenpolitiker vorzubereiten.
Die erste Schüler-Frage bot die Möglichkeit für einen Dialog mit dem anderen Gast dieser Veranstaltung. Denn Frank-Walter Steinmeier, gefragt nach dem Widerspruch zwischen Fraktionszwang und Gewissensfreíheit des einzelnen Abgeordneten, bat Rita Schwarzelühr-Sutter, Mitglied des Deutschen Bundestages, um die Darstellung ihrer Erfahrungen. Die Abgeordnete aus dem Wahlkreis Waldshut, selbst Teil der SPD-Fraktion, nannte Beispiele für echte Gewissensfragen und erläuterte, dass zu den meisten politischen Themen gemeinsame Positionen Ergebnis längerer Diskussionsprozesse seien, die dann auch geschlossen vertreten werden können.

Weitere Fragen der Schüler berührten die Bildungspolitik, konkret die Verkürzung der Schulzeit durch das eingeführte „G8“, die europäische Finanzpolitik, die Möglichkeit des Verbotes der rechtsextremen NPD, das Organspendegesetz, Rüstungsexportpolitik und die Rentenpolitik. Im Bereich der außenpolitischen Fragen wurde Frank-Walter Steinmeier gebeten, Stellung zu nehmen zur Frage des Umgangs demokratischer Politiker mit Diktatoren. Auf die Frage nach dem Verhältnis zu Russland reagierte Steinmeier erneut mit dem Ansatz, wonach die Bindung an Europa gestärkt werden müsse. Denn längst habe sich die einst von Russland und den USA dominierte bipolare Welt mit Europa in der Mitte aufgelöst zugunsten des pazifischen Raumes bzw. der Staaten Asiens. Zum wirtschaftlichen Erfolg trete dort die Erwartung, auch politisch Einfluss zu gewinnen. Diese Entwicklung müsse man in Europa verstehen lernen.

Besonders interessant fanden die Schülerinnen und Schüler jene Momente, in denen Steinmeier von der Verantwortung des Politikers sprach, zum Beispiel in der Zeit unmittelbar nach den Terroranschlägen des 11.09.2001. Damals galt es zu überlegen, wie viel Freiheit man in einer sich auf Freiheit gründenden Gesellschaft aufgeben könne, um die Gemeinschaft zu schützen.

Und so konnte Schulleiter Lothar Senser – im Namen der anwesenden Schüler und Lehrkräfte – den Gästen für ihr Kommen und das damit ermöglichte spannende politische Gespräch herzlich danken.   
Matthias Sochor, HGWT (Text und Bilder)

Steinmeier am HGWT