02.05.2018

Südkurier: Fundament der Städtepartnerschaft

Jugendliche im Schüleraustausch als Brückenbauer und Vorreiter

Waldshut-Tiengen: Vor 60 Jahren begann der Schüleraustausch zwischen Waldshut-Tiengen und dem französischen Blois. Fünf Jahre später folgte die Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde zwischen den beiden Städten. Der Schüleraustausch gilt als der früheste, intensivste und bedeutendste in ganz Deutschland.

Die Väter des Schüleraustausches: Manfred Kirchgässner (rechts Waldshut) und Jean Lécaux (Blois). Bild: Photo Bach

Waldshut-Tiengen – Mit einer Feierstunde im Musiksaal des Hochrhein-Gymnasiums Waldshut feiert der Freundeskreis Blois-Waldshut-Tiengen-Lewes am Samstag, 5. Mai, das 60-jährige Bestehen des Schüleraustauschs mit der französischen Partnerstadt Blois. Nach Aussage des französischen Jugendwerks gehört dieser Austausch zu den frühesten, intensivsten und bedeutendsten in Deutschland.
In ununterbrochener Reihenfolge erfüllen Jungen und Mädchen des Hochrhein-Gymnasiums und des Klettgau-Gymnasiums sowie der Robert-Schuman-Realschule Waldshut diesen internationalen Jugendaustausch mit Leben. Der Schüleraustausch mit Lewes, der 1974 aufgenommen wurde, ruht seit einigen Jahren, da keine Schule in England mehr gefunden werden konnte.

Erster Austausch 1958
Mit dem Schüleraustausch begannen auch die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Städten. 1958 kamen die ersten Jugendlichen des französischen Lycée Augustin Thierry an den Hochrhein und im selben Jahr fuhren Schüler des Hochrhein-Gymnasiums an die Loire. Geburtshelfer waren die beiden Lehrer und Freunde Manfred Kirchgässner und Jean Lécaux, die beide schon verstorben sind. Der Schüleraustausch gilt deshalb auch als Fundament der Städtepartnerschaft. Schon fünf Jahre bevor der Elysée-Vertrag zwischen Charles de Gaulle und Konrad Adenauer zur Besiegelung der deutsch-französischen Zusammenarbeit geschlossen wurde, begegneten sich hier am Hochrhein und in Blois junge Franzosen und Deutsche.
Die Jugendlichen waren die Vorreiter, gefolgt von den ehemaligen Kriegsteilnehmern, die die Greuel des Krieges durch Entgegenkommen und Freundschaften vergessen lassen wollten. Nach und nach folgten Vereine, die ihre französischen Partner suchten. Und schließlich trafen sich die Verantwortlichen der Stadtparlamente, die vor 55 Jahren mit der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunden offiziell ihre Städtepartnerschaft gründeten.

Pionierarbeit der Jugendlichen
Zigtausende von Schüler lernten und lernen in den vergangenen Jahrzehnten so das Leben und die Mentalität des Nachbarn in den Familien, in den Schulen, beim Sport, bei kulturellen Anlässen und in der Freizeit kennen. Vor allem in den Anfangsjahren leisteten die Jugendlichen Pionierarbeit. Sie räumten mit Vorurteilen auf, lernten die Realität im Nachbarland zu schätzen und bauten Brücken, wo noch Ressentiments vorhanden waren.

Aus Austauschschülern werden Freunde
Aus ersten Austauschschülern wurden Freunde, die mehrere Jahre hintereinander in der selben Familie wohnten, schlossen Freundschaften, die in die zweite und dritte Generation reichten und verbrachten zusammen fröhliche Urlaubstage. Selbst als Ehestifter hat sich der Schüleraustausch bewährt. Allein aus den Begegnungen der ersten zehn Jahre entstanden sieben deutsch-französische Ehen.
Auch kulturell hat der Schüleraustausch wertvolle Aspekte gebracht, reisten doch immer wieder Schülergruppen diesseits und jenseits des Rheins in die Partnerstädte, um Theater-Gastspiele, Konzerte oder Ballettaufführungen zu geben. Immer wieder aufs Neue sind die Partnerschaftskomitees bemüht, den Jugendlichen ein attraktives Programm zu bieten.

Besuch in Paris und im Europapark
Nicht fehlen darf für die jungen Deutschen die Metropole Paris, sportliche Abstecher zu reizvollen Badeseen oder ein Schnupperkurs auf dem Golfplatz von Schloss Cheverny zu unternehmen. Die jungen Franzosen lernen unter anderem die Schönheiten des Schwarzwaldes, Freiburg, den Bodensee, die Schweiz sowie den Europapark Rust kennen.

Die Anfänge des Schüleraustausches
- Der Grundstein: Die Väter des Schüleraustauschs und der Städtepartnerschaft, Manfred Kirchgässner und Jean Lécaux, sind schon lange schon tot. Doch ihr Erbe, der Schüleraustausch, ist noch nach 60 Jahren so lebendig wie eh und je. Als junger Gymnasiallehrer in Freiburg begründete Manfred Kirchgässner 1952 einen Schüleraustausch mit Blois, seiner ehemaligen Schule in Frankreich. Als er 1957 in seine Heimatstadt Waldshut versetzt wurde, wollten die Freiburger den Austausch mit Blois fortführen. Doch Blois mit Jean Lécaux wollte nur mit Manfred Kirchgässner zusammenarbeiten. Und so kam es 1958 zum ersten Austausch zwischen Waldshut und Blois. Nach dem Tod von Manfred Kirchgässner setzten Günther Faller und bis heute Markus Schmitt als Vorsitzende des Freundeskreises den Schüleraustausch fort, unterstützt von zahlreichen Lehrkräften der teilnehmenden Schulen. In Blois waren es vor allem Janine Brun und Alain Jouet, der vor Kurzem gestorben ist.
- Die Entwicklung: In den ersten Jahren setzte ein regelrechter Run ins Nachbarland ein. 100 bis 150 Schüler wollten am Austausch teilnehmen, sodass in den ersten Jahren zwei bis drei jährliche Begegnungen stattfanden. Doch als der Reiz des Exotischen einsetzte, der Jugend die Welt offen stand und Reisen in ferne Länder zum Alltag gehörten, ließ der Austausch nach. Dazu kam das wechselnde Interesse der Schüler: Deutsch-Unterricht in Blois gibt es auf Kosten von Spanisch und Portugiesisch nur noch wenig. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Austauschschüler wieder stabilisiert. Zwischen 35 und 45 Jungen und Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren nehmen regelmäßig am Austausch teil. Zum 60-jährigen Bestehen halten sich ebenfalls wieder Schüler aus Blois in Waldshut-Tiengen auf, nachdem erst vor wenigen Tagen Jugendliche von der Loire zurückgekommen sind.
Text: Doris Flohr, erschienen im SÜDKURIER am 02.05.2018

Unterwegs in Deutschland - der damalige Landtagspräsident Peter Straub lud die Austauschschüler aus Blois und ihre Gastgeber nach Stuttgart ein. Bild: Partnerschaftskomitee
Unterwegs in Frankreich: Eine Fahrt nach Paris gehört für die Austauschschüler aus Waldshut-Tiengen zu ihrem Blois-Aufenthalt dazu. Bild: HGWT

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